Jahreslosung 2021

Barmherzig soll das Verhalten der Christen sein. Unser himmlischer Vater ist zu uns barmherzig, so sollen wir es auch zu unseren Mitmenschen sein.

Am besten sehen wir zuerst selbst in den Spiegel. Denn wie kann ich Barmherzigkeit ausstrahlen, wie kann ich barmherzig mit meinen Mitmenschen umgehen, wenn ich zu mir selbst nicht barmherzig bin? „Wer sich selbst nichts Gutes gönnt, was sollte der anderen Gutes tun?“ (Jesus Sirach, 14,5)

„Hast du dich selbst lieb, so hast du alle Menschen lieb wie dich selbst. Solange du einen einzigen Menschen weniger lieb hast als dich selbst, so hast du dich selbst nie wahrhaft lieb gewonnen…“ (Meister Eckehart)

Damit ich wirklich ein Herz für andere haben kann, muss ich zuerst selbst mit meinem Herzen in Berührung kommen, muss ich mein Herz zunächst dem Schwachen und Schwierigen in mir zuwenden. Meine Fehler und Schwächen annehmen, mich so annehmen, wie ich geworden bin und mein Idealbild von mir hinter mir lassen. Dann werde ich andere verstehen, sie nicht verurteilen, sondern ich werde sie gerade mit dem Unglücklichen, Elenden, Schwachen und Schwierigen in mein Herz aufnehmen. Ich mache ihnen kein schlechtes Gewissen. Wenn ich mit mir selbst versöhnt bin, wirke ich auf andere Menschen versöhnlich.

Jesus führt uns den barmherzigen Vater vor Augen, der den verlorenen Sohn nicht verstößt, sondern ein Fest mit ihm feiert, weil er, der verloren war, wieder gefunden wurde, weil er, der tot war, wieder zum Leben erweckt wurde.

Und er erzählt uns im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, ebenfalls im Lk-Ev, Kap10, wie der Priester und der Levit an dem geschlagenen und ausgeraubten Mann vorübergingen, aber ein Samariter, ein Fremder, der auf der Reise war, ein Herz für den unter die Räuber Gefallenen hatte, ihn versorgte, so gut er konnte und ihn in eine Herberge brachte und die Pflege bezahlte.

Was aber ist, wenn mir Aggressivität, Lüge, Unbarmherzigkeit entgegenschlägt? Kann ich da barmherzig sein? Im ersten Affekt wohl kaum.

Gottfried Keller schrieb in seinem Roman „Der grüne Heinrich“: „das eigentliche Lieben aber des Feindes in voller Blüte und solange er uns Schaden zufügt, habe ich nirgends gesehen.“

Was ist zu tun? Ich kann es im erneuten Anlauf versuchen. Ich kann zur Barmherzigkeit zurückfinden. Wenn das meine geistig-seelische Haltung ist, habe ich die Freiheit, meinem Mitmenschen abweisend, zornig, misstrauisch gegenüber zu treten oder mich ihm gegenüber freundlich, offen, höflich zu verhalten. Meine Haltung macht sich in meinem Verhalten kund. Und Verhalten können wir lernen.

Das bedeutet nicht, dass sämtliche negative Gefühle wie auf Knopfdruck verschwunden sind. Doch die Tür bleibt geöffnet. Eine Annäherung bleibt möglich. Ich vergelte nicht, ich trage nicht nach. Ich durchbreche den verhängnisvollen Teufelskreis.

Ja, das ist eine echte Herausforderung, denn zu solch einer Haltung gehören Mut, Reife, Kraft und – Gottvertrauen. Die Verbundenheit mit Gott, so will Jesus uns offenbar deutlich machen, verhilft zu dieser Souveränität. Gott ist unser gemeinsamer Vater und barmherzig zu uns – eine wunderbare Basis, auf der wir anfangen können. Jedenfalls: welches Zutrauen setzt Jesus in uns!

Ihr Pfarrer Gerhard Jacobs