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Spaß und Anstand

 

Als gebürtiger Hanseat habe ich es nicht so mit Karneval oder Fasching. Als ich dann in Oberschwaben eine Pfarrstelle antrat, musste ich umlernen. In Oberschwaben heißt „Karneval“ übrigens nicht „Fasching“ sondern „Fasnet“ und das Kostüm heißt „Häs“. Aber damit nicht genug: Am Donnerstag vor Faschingsdienstag wurden in der Schule, in der ich Unterricht gab, die Schüler durch den Fasnetverein von den Lehrern befreit und zwar in der dritten Unterrichtsstunde. „2 reguläre Unterrichtsstunden!“ dachte ich. Doch vor mir saßen alle Schüler verkleidet und hatten nur eins im Sinn: nach der „Befreiung“ ordentlich in der Stadtmitte zu feiern.

 

So entschloss ich mich, gleich nach der „Befreiung“, ebenfalls notdürftig ein „Häs“ anzulegen und in die City zu ziehen. Ein paar meiner Schüler – schon ein wenig alkoholisiert - erkannte ich und erlaubte mir mutig eine derbe Zurechtweisung. Ich war überrascht, dass die dann erschraken. Sie hatten mich schlichtweg unter meiner Verkleidung nicht erkannt. Da hatte ich die Tradition ein wenig besser verstanden: Zu Fasching hatte man Masken aufgesetzt und konnte sich so Kritik erlauben ohne gleich erkannt und dafür haftbar gemacht zu werden. So haben Büttenreden ihren Ursprung. Einmal habe ich sogar als Pfarrer vor dem örtlichen Faschingsverein die Büttenrede halten dürfen. Fasching: eine begrenzte Zeit für Meinungs- und Redefreiheit, auch wenn es „denen da oben“ derb ans Leder geht.

 

Freilich hat die Maskerade auch Schattenseiten. Die Meinungsfreiheit bekommt von manchen Menschen das Gefühl zur Seite gestellt, nun alles machen zu dürfen, als gäbe es überhaupt keine Tabus. Die Maske scheint zu schützen, wenn man Grenzen verletzt, wenn beleidigt wird oder sogar Gewalt ausgeübt wird. Die Faschingsvereine haben gerade deshalb auch einen Anstandskodex. Wer die Grenzen der Tradition und der Moral verletzt, fliegt raus! Am Aschermittwoch (26.2.2020) ist dann traditionell alles vorbei.

 

Nun ist aber eine Maskerade jenseits der Faschingstradition dazu gekommen: Das Internet und die „sozialen“ Medien erlauben, nahezu unerkannt sich zu allen Dingen äußern zu dürfen - ununterbrochen und ohne moralische oder ethischen Grenzen. Beleidigungen und Shitstorms sind keine Ausnahmen mehr.

 

Es geht sogar noch weiter: Auch ohne Masken fallen die Grenzen des Anstands, wenn Menschen beleidigt, bedroht oder sogar Gewalt angetan wird. Menschen, denen etlicher Respekt gehört: Polizisten, Feuerwehrleuten, Politikern, Lehrern und vielen mehr.

 

Mir macht das große Sorge. Lösungsmöglichkeiten habe ich keine. Nur dieses: In der Bibel steht, dass Gott den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen hat. Damit hat jeder Mann und jede Frau, jeder Greis und jedes Kind eine von Gott verliehene Würde. Diese Würde darf nie verletzt werden; nicht im Fasching oder Karneval und auch sonst nicht. Gott hat uns auch Verantwortung für diese Erde gegeben. Wie gut, dass es Menschen gibt, die Haupt- oder ehrenamtlich Verantwortung übernehmen. Sie haben unseren Rückhalt verdient auch wenn wir nicht jede Entscheidung gut finden.

 

Die Faschingsvereine, die ich kenne, achten auf das Verhalten ihrer Mitglieder übrigens auch nach dem Aschermittwoch. Spaß soll sein und Anstand hat eben kein Ende. Mittlerweile kann ich dem Fasching durchaus etwas abgewinnen.

 

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Immo Wache

 

 

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