Lichtblicke - hier finden Sie regelmäßig und aktuell die im Wochenblatt erscheinenden Texte unserer Pfarrer

Noch mal neu anfangen

 

Die große Tür ist nur halb geöffnet und innen scheint es eher dunkel zu sein. Einladend wirkt das gerade nicht. Und doch wird meine Neugier geweckt. Denn es ist nicht irgendeine Tür in irgendein Gebäude. Sondern eine Kirchentür. Und was sich dahinter verbirgt, kann ich mir zwar vorstellen, ist aber in Wirklichkeit immer wieder überraschend anders. So geht es vielen. Erst mal drin, öffnet sich eine andere Welt. Die Kirchen hier auf Teneriffa und überall auf der Welt sind Anziehungspunkte für Menschen, Attraktionen für Touristen und Orte der Stille im lauten Getriebe der belebten Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen. Im Halbdunkel der Kirche geht mein Blick nach vorne. Ein Kreuz, eine Madonna mit Kind oder ein Christus am Kreuz findet sich fast immer. Und eine oder mehrere brennende Kerzen. Komisch, wie hell so eine kleine Flamme leuchten kann. Auf manche kostbare Statue, auf manches historische Gemälde macht mich mein Teneriffa-Büchlein oder das kleine Faltblatt, das ich mir am Eingang nehmen kann, aufmerksam. Doch prunkvolle Altäre und Kunstwerke - das ist es eigentlich nicht, was mich in einer Kirche fasziniert. Da ist der junge Mann, der andächtig kniet und zu beten scheint. Die alte Frau mit Kopftuch, die schon eine ganze Weile nur stumm dasitzt und – weint. Und der eifrige ältere Herr, der gerade eine paar Jungen davon abhält, sich zu laut zu unterhalten. Alles wirkt irgendwie gedämpft, das Licht, die Geräusche, das Tempo des Lebens. Ist das das Heilige, das Göttliche und vielleicht Gott selbst, der sich in dieser Atmosphäre in meiner Seele Gehör verschafft und sich meldet?

 

Die Seele baumeln lassen“ ist so ein Ziel für einen schönen Urlaub oder für einen Tag in der Woche als wirkliche Erfolung vom Alltag. Ein schönes Zimmer, schön Essen, frühlingshafte Temperaturen, ein Bad im Meer oder zur Zeit besser im beheizten Pool, eine Tasse Kaffee „con leche“, ein Schaufensterbummel vorbei an Dingen, die ich eigentlich nicht brauche, oder eine heiße Disco-Nacht – ist das genug für unsere Seele?

 

Kirchen laden dazu ein, „die Seele baumeln zu lassen“. Dazu braucht es nicht viel. Ein wenig Zeit und die Bereitschaft, offen zu sein für Botschaften aus einer anderen Welt. Sich entspannt hinsetzen, vielleicht die Augen schließen, hinhören, oder hinschauen, was andere tun, einen Vers aus der Bibel mitnehmen auf einem Zettel oder im Kopf und ihn wirken lassen. Vielleicht reißen Sie einen der folgenden Verse einfach aus und stecken in ein. Fürs nächste Mal in einer Kirche, am Strand oder im Bett: „Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er Dir Gutes getan hat“. Oder: „Glaube, Liebe Hoffnung – aber die Liebe ist die größte unter ihnen“. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn Du bist bei mir“.

 

Volker Thiedemann, Evangelische Gemeinde Teneriffa-Nord