Lichtblicke - hier finden Sie regelmäßig und aktuell die im Wochenblatt erscheinenden Texte unserer Pfarrer

Erntedank 2019

 

Zu unserem letzten Pfarrhaus in Deutschland gehörte ein riesiger Garten. Viel zu groß für zwei Leute. Viel zu viel Arbeit neben der Seelsorge, dem Unterricht, der Predigt und dem ganzen Verwaltungsaufwand für Kirche, Gemeindehaus und 2 Kindergärten. Dennoch war dieser Garten ein kleines Wunder. Neben dem Haus wuchs ein Feigenbaum, der reichlich Früchte brachte. Es gab einen Walnussbaum, der in manchem Jahr soviel Nüsse abwarf, dass man aufpassen musste, davon nicht erschlagen zu werden. Zwei Kirschbäume versorgten uns noch mit Obst. Es wuchs alles, ohne dass wir uns darum viel kümmern mussten. Wir pflanzten noch einige Beerensträucher, Kräuter, einen Weinstock und ganz hinten baute ich einen Kasten für ein Gemüsebeet. Mangold, Kartoffeln, Bohnen und Grünkohl probierten wir aus. Und weil das alles gut wuchs und man durchaus eine Menge ernten konnte, gönnten wir uns noch ein Minigewächshaus, in dem dann Gurken, Zucchini und Tomaten reiften. Natürlich spritzten wir nicht. Vielleicht hatten wir deshalb irgendwann auch Wühlmäuse, die die Kartoffeln fraßen und Insekten, die in den Früchten ihre Eier ablegten oder andere Schädlinge, die unsere Arbeit leider auch schätzten.

 

In unserem Garten habe ich gelernt, dass zur Freude der Ernte vorher eine Menge Arbeit und Aufmerksamkeit gehört. Und auch nach der Ernte gibt es viel zu tun, um Früchte haltbar zu machen. Der Garten hat uns Spaß bereitet, auch wenn wir manchmal über die Arbeit gestöhnt haben. Wir haben die Blüten bestaunt und gehofft, dass jede Blüte – wenn es Zeit dafür war – etwas zum Essen lieferte. Und wenn etwas nicht so gelang wie erhofft, konnten wir ja immer noch in den Supermarkt gehen und uns dort reichlich versorgen.

 

Was der Supermarkt aber nicht liefert, ist das Gespür für den Wert der Ernte. Was ist der Wert einer Kartoffel oder einer Tomate, wenn man an das Aussäen, das Gießen, das Auszupfen, das Düngen und schließlich das Ernten denkt? Mit Wert meine ich nicht nur den Preis auf dem Etikett. Was ist der Wert, wenn man das Staunen mit bedenkt, wie z.B. aus einer Saatkartoffel letztlich 10 andere Knollen entstehen?

 

Aus der Wert-Schätzung der Ernte ist das Erntedankfest entstanden. Zumeist wird es in den katholischen und evangelischen Kirchen am ersten Oktobersonntag gefeiert. (wir machen das auf Teneriffa am 6.Oktober) Die wenigsten von uns dürften Landwirte oder Obst- und Gemüsehändler sein. Die wissen in der Regel um den Wert ihrer Waren. Sie wissen auch, dass der Preis oft nicht diesen Wert widerspiegelt. Das Erntedankfest hat darum heute auch die Aufgabe, die Wertschätzung von Lebensmitteln wieder zu entdecken. Billig ist nicht alles! Saat und Ernte haben ihre Zeit, sodass nicht alles immer verfügbar sein muss. Und wer etwas für das Klima tun will, der kauft besser aus der Region, anstatt die Früchte, die um den halben oder ganzen Globus transportiert werden müssen.

 

Erntedank ist ein Fest der Freude und der Verantwortung. Gott hat uns diese Schöpfung gegeben, damit wir sie bebauen und (!) bewahren. Offenbar traut er ihnen und mir das zu. Jeder und Jede kann dazu im eigenen Verhalten etwas beitragen. Und Danken bewahrt davor, dass im Selbstverständlichen vieles an wirklichem Wert verliert. Ich wünsche uns also ein gesegnetes Erntedankfest 2019!

 

Ihr Pfarrer Immo Wache